BAG: Altersgrenzen in Arbeitsverträgen sind „dynamisch“ auszulegen

Äußerst praxisrelevant hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) entschieden, dass eine Altersgrenze in einem vom Arbeitgeber vorformulierten Arbeitsvertrag, nach der das Arbeitsverhältnis „ohne dass es einer Kündigung bedarf, mit Vollendung des 65. Lebensjahres enden soll“, nach der Anhebung des Regelrentenalters regelmäßig dahin auszulegen sei, dass das Arbeitsverhältnis erst mit Vollendung des für den Bezug einer Regelaltersrente maßgeblichen Lebensalters enden soll.

Auch bei arbeitsvertraglichen Klauseln, die für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht abstrakt auf das Erreichen der Regelaltersgrenze abstellen, sondern auf die Vollendung des 65. Lebensjahres (was vor allem bei vielen älteren Arbeitsverträgen der Fall ist), ist nun richtigerweise davon auszugehen, dass die Parteien die Befristung „dynamisch“  an die jeweilige gesetzliche  Regelaltersgrenze knüpfen wollten.

BAG: Schriftformerfordernis bei vorzeitigem Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis aufgrund „Sprinterklausel“

Oft wird in der arbeitsrechtlichen Praxis in (gerichtlichen) Aufhebungs- und/oder Abwicklungsverträgen eine sogenannte „Sprinterklausel“ vereinbart, wonach dem Arbeitnehmer das Recht eingeräumt wird, vorzeitig, also vor dem grundsätzlich vereinbarten Beendigungszeitpunkt, aus dem Arbeitsverhältnis auszuscheiden und für jeden Tag/jede Woche/jeden Monat … des vorzeitigen Ausscheidens eine (zusätzliche) Abfindung zu erhalten (in der Regel entspricht die Abfindungshöhe dem auf Arbeitgeberseite ersparten Bruttogehalt).

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat nun für Recht erkannt, dass die Erklärung des Arbeitnehmers zum vorzeitigen Ausschieden zwingend der Schriftform des nicht disponiblen § 623 BGB unterfällt, weil  diese arbeitnehmerseitige Erklärung rechtstechnisch durch Abgabe einer Kündigungserklärung erfolge und daher dem Formzwang des § 623 BGB unterfalle. Die arbeitnehmerseitige „Anzeige“ / Erklärung stellt nach dem BAG keine Modifikation oder Umgestaltung der vertraglichen Aufhebungs-/Abwicklungsvereinbarung dar, sondern eine Kündigungserklärung, durch die Arbeitsverhältnis früher beendet wird.

Das bedeutet, dass ein Arbeitnehmer seine Erklärung zwingend schriftlich (Original mit eigenhändiger Unterschrift) gegenüber dem Arbeitgeber zu erklären hat (Telefax, E-Mail, oä. reichen nicht aus).

Auch im (gerichtlichen) Vergleich kann im Übrigen keine vom zwingenden  § 623 BGB abweichende Regelung vereinbart werden, weil diese Vorschrift nicht disponibel ist.

Wettbewerbsverstoß: Werbung für eine Küche nebst Elektro-Geräten ohne Herstellerangaben und Typenbezeichnung

Das OLG Celle – 13 U 71/15 – hat am 16. Juli 2015 ein in der Küchenbranche viel diskutiertes Urteil erlassen, wonach bei der Werbung mit einer Komplettküche auch die Marken- und Typenbezeichnung der aufgeführten Elektrogeräte anzugeben ist, insbesondere dann, wenn die in der Komplettküche enthaltenenen Elektrogeräte nebst jeweiliger  Energieeffizienzklasse der Elektrogeräte angegeben werden. Das OLG Celle stellt seiner Entscheidung folgende Orientierungssätze voraus.

„1. Jede gezielte auf den Absatz eines bestimmten Produkts gerichtete werbliche Ankündigung stellt ein Anbieten von Waren gemäß § 5a Abs. 3 UWG dar. Ein mehrseitiges Prospekt für Eröffnungsangebote eines Möbelhauses welches, die Abbildungen von Küchen nebst Stellmaßen, Angaben zu den Schränken sowie zu den darin enthaltenen Haushaltsgeräten inklusive Nennung der Energieeffizienzklasse [Fettung durch den Verfasser] enthält fällt hierunter, selbst, wenn in der Werbeanzeige weder Hersteller noch Typenbezeichnung genannt wurden (Anschluss BGH, 16. Juli 2009, I ZR 50/07, GRUR 2010, 248).

2. Eine derartige Werbung muss alle wesentlichen Merkmale der Ware gem. § 5a Abs. 3 Nr. 1 UWG nennen. Wesentliche Informationen sind solche, die der durchschnittliche Verbraucher je nach den Umständen benötigt, um eine informationsgeleitete geschäftliche Entscheidung zu treffen, und die somit einen Durchschnittsverbraucher zu einer geschäftlichen Entscheidung veranlassen oder zu veranlassen geeignet sind, die er sonst nicht getroffen hätte. Die Marken- und Typenbezeichnung der in der Werbeanzeige ausdrücklich unter Hinweis auf deren Energieeffizienzklasse aufgeführten Elektrogeräte sind daher mit aufzunehmen [Fettung durch den Verfasser]. Unzweifelhaft sind die Elektrogeräte, mit denen eine Küche ausgestattet ist, ein wesentliches Merkmal des angebotenen Produkts, denn Funktionalität und Qualität einer Küche werden nicht nur durch den Korpus, sondern gleichermaßen durch die in ihr enthaltenen Elektrogeräte bestimmt. Der Verbraucher kann den Wert der angebotenen Küche erst dann hinreichend beurteilen, wenn er die Marke bzw. den Hersteller der angebotenen Elektrogeräte insoweit gibt es deutliche Qualitäts- und Preisunterschiede und auch ihre Typenbezeichnung kennt (Anschluss BGH, 19. Februar 2014, I ZR 17/13, NJW-RR 2014, 860).

3. Der Umstand, dass Elektrogeräte nicht einzeln am Markt erhältlich sein können, kann kein Grund sein, deren Marken- und Typenbezeichnungen zu verschweigen. Denn auch die Tatsache, dass es ein Gerät nicht einzeln zu kaufen gibt, kann für sich betrachtet eine für den Verbraucher wesentliche Information sein, die ggf. gerade den Ausschlag geben kann, die Küche nicht erwerben zu wollen.“

Ein schönes Büro. Ihr gutes Recht.

eqz_logo

Rechtsanwälte und Steuerberater aufgepasst: Ab sofort bieten wir zwei bis drei helle, unmöblierte RA-Zimmer (18–24 qm) in Bürogemeinschaft mit sieben Rechtsanwälten an. Unsere Kanzlei mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht (Arbeitsrecht, Handels- und Gesellschaftsrecht, Sportrecht, Mietrecht) befindet sich am Bavariaring 16. Selbstverständlich dürfen Sie unsere Infrastruktur (IT, Besprechungszimmer, Bibliothek) mitbenutzen – auch unser Kanzlei-Personal steht Ihnen gerne zur Verfügung. Nähere Informationen unter www.e-q-z.de
Kontakt: RAe Dr. Simon Eisenmann und Prof. Dr. Christian Quirling,

Tel.: 089 / 45 23 55 70

 

Irrtümer bei der Werbung mit Garantie und Gewährleistung

Werbung bei Verbrauchern mittels „Garantieerklärungen“ hat eine starke Wirkung auf Verbraucher. Es besteht hierbei aber die Gefahr, dass Verbraucher durch eine ungenau oder gar unrichtige Werbung in die Irre geführt werden. Daher stellt das Recht an die Werbung mit Garantien hohe Anforderungen, was etwa die Information der Verbraucher anbelangt.

Meine tägliche Beratungspraxis zeigt, dass Verbraucher aber auch Unternehmer oft eine „Garantie“ mit der gesetzlichen „Gewährleistung“ verwechseln bzw. diese Begriffe geradezu synonym verwenden. Garantie und Gewährleistung ist jedoch nicht dasselbe.

Im Rahmen der gesetzlichen „Gewährleistung“ hat der Verbraucher/Käufer einen gesetzlichen Anspruch auf Nacherfüllung, Rücktritt, Minderung oder Schadenersatz gegenüber dem Verkäufer, wenn der Kaufgegenstand bei Übergabe mangelhaft ist. Diese Regelung stellt eine Selbstverständlichkeit gemäß § 3 Abs. 3 UWG in Verbindung mit Nr. 10 des dem Absatz 3 beigefügten gesetzlichen Anhanges dar, da sie ohnehin jedem Verbraucher gesetzlich eingeräumt wird. Eine Werbung mit beispielsweise „24 Monate Gewährleistung“ ist demnach unzulässig!
Eine Garantie hingegen ist eine zusätzliche Erklärung bzw. eine Sonderleistung des Verkäufers oder eines Dritten und steht neben der gesetzlichen Gewährleistung. Üblicherweise wird die Garantie durch den Hersteller gewährt, so genannte „Herstellergarantie“. Während also die Gewährleistungsrechte dem Käufer bereits von Gesetzes wegen zustehen, ist eine Garantie etwas, das der Verkäufer oder Hersteller dem Verbraucher zusätzlich, vertraglich freiwillig gewährt. Mit Garantien (Beschaffenheits- und/oder Haltbarkeitsgarantien) befasst sich § 443 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Aus § 443 Absatz 1 BGB ergibt sich, dass nicht nur der Verkäufer, sondern auch ein „Dritter“ dem Käufer eine Garantie einräumen kann. Oft ist dies der Hersteller, der dem Käufer – unabhängig vom Verkäufer – eine sog. Herstellergarantie einräumt. Hieraus ergibt sich zudem, dass eine Garantie eben immer etwas Zusätzliches ist und neben die dem Käufer bereits gesetzlich zustehenden Gewährleistungsrechte tritt. Im Verbrauchsgüterkauf, als einem Kaufvertrag zwischen einem Unternehmer und einem Verbraucher muss eine Garantieerklärung gemäß § 443 BGB einfach und verständlich abgefasst sein. Sie muss (1) den Hinweis auf die gesetzlichen Rechte des Verbrauchers sowie darauf, dass sie durch die Garantie nicht eingeschränkt werden und (2) den Inhalt der Garantie und alle wesentlichen Angaben, die für die Geltendmachung der Garantie erforderlich sind, insbesondere die Dauer und den räumlichen Geltungsbereich des Garantieschutzes sowie Namen und Anschrift des Garantiegebers, enthalten.

Wer als Verkäufer diesen Anforderungen bereits in der Werbung nicht genügt, handelt wettbewerbswidrig und setzt sich dem Risko wettbewerbsrechtlicher Konsequenzen – wie beispielsweise Abmahnungen – aus.

Das Mindestlohngesetz als Haftungsfalle?

 

Das zum Jahreswechsel in Kraft getretene Mindestlohngesetz (MiLoG) regelt neben den Anforderungen an den gesetzlichen Mindestlohn auch flankierende Bestimmungen, die in „subunternehmerlastigen“ Branchen (wie bspw. der Küchenbranche mit vom Einzelhändler beauftragten Schreinereien, Monteuren, etc.) ein großes Risiko für viele Unternehmen darstellen können.

In § 13 MiLoG i.V.m. § 14 Arbeitnehmerentsendegesetz ist eine Bürgenhaftung geregelt, wonach ein Unternehmer, der einen anderen Unternehmer mit der Erbringung von Werk- oder Dienstleistungen beauftragt, für die Verpflichtungen dieses Unternehmers, etwaiger Nachunternehmer sowie etwaiger eingesetzter Verleiher zur Zahlung des Mindestlohns an Arbeitnehmer wie ein Bürge, der auf die Einrede der Vorausklage verzichtet hat, haftet. Der so in Pflicht genommene Auftraggeber ist verpflichtet, zu bezahlen, auch wenn ihn überhaupt kein Verschulden trifft.

Diese gesetzliche Bürgenhaftung des Auftraggebers lässt sich zwar vertraglich nicht ausschließen, aber es bestehen vertragliche Möglichkeiten, das eigene Haftungsrisiko zu beschränken. Es sollten in entsprechenden Werk- oder Dienstverträgen ausdrückliche Freistellungsvereinbarungen für den Fall der Inanspruchnahme aus der Bürgenhaftung geregelt werden. Außerdem sollte vom Auftragnehmer eine Bestätigung der Einhaltung des MiLoG verlangt werden.

BGH verbietet die Werbung mit „kostenloser Zweitbrille“

Eine Optikerkette hatte damit geworben, dass ein Kunde beim Kauf einer Brille mit Premium-Einstärken- und Gleitsichtgläsern kostenlos eine Zweitbrille im Wert von 89 Euro dazu bekäme. Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs ging hiergegen im Klagewege mit der Begründung vor, dass für Heilmittel grundsätzlich nicht mit Zugaben geworben werden dürfe.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat jetzt entschieden, dass Augenoptiker nicht ohne weiteres damit werben dürfen, dass Kunden beim Kauf einer Brille eine “Kostenlose Zweitbrille“ dazu bekommen. Ein solcher Hinweis verstößt nach Ansicht des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe gegen das heilmittelwerberechtliche Zugabeverbot gemäß § 7 Abs. 1 Heilmittelwerbegesetz (HWG) und ist damit wettbewerbswidrig. Das Verbot des § 7 Abs. 1 HWG setzt voraus, dass die Werbung geeignet ist, den Kunden durch die Aussicht auf Zugaben und Werbegaben unsachlich zu beeinflussen. Einer unmittelbaren oder mittelbaren Gesundheitsgefährdung bedarf es dabei nicht.
Der BGH hält mit seiner jetzigen Entscheidung an seiner strengen Auffassung zum heilmittelwerberechtlichen Zugabeverbot und an der Anwendbarkeit des Zugabeverbots auch auf Sehhilfen fest.

Regelungen in Handelsvertreter-verträgen zur Kostentragung einer Musterkollektion

Das OLG Düsseldorf hat erneut bestätigt, dass alle Vereinbarungen in Handelsvertreterverträgen, die auf die Zahlung eines wie auch immer ausgestalteten Kaufpreises durch den Handelsvertreter für eine Musterkollektion gerichtet sind, unwirksam sind. Ebenfalls kann keine Beteiligung an den Entwicklungskosten für einen Teil einer Kollektion vereinbart werden.
Gerade in der Textilbranche wird von Handelsvertretern unter Verweis auf eine vertragliche Kostentragungsregelung oftmals verlangt, Musterkosten zu tragen. Hiergegen kann sich der Handelsvertreter im Regelfalle erfolgreich zur Wehr setzen.

Apple lässt sich sein Ladendesign schützen!

Darstellung der Gestaltung einer Verkaufsfläche kann als Marke eingetragen werden.

Die Apple Inc. hat es unter Vorlage einer einfachen Zeichnung der Gestaltung der Verkaufsflächen ihrer „Apple Stores“ geschafft, die ohne Größen- oder Proportionsangaben abgebildete Ladenflächengestaltung für Einzelhandelsdienstleistungen im Bereich Computer, Software, etc. als dreidimensionale US-amerikanische Marke eintragen zu lassen.
Apple beantragte beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) die Geltung des Schutzes ihrer internationalen Marke auf das Gebiet der BRD. Das DPMA verneinte die Eignung der Gestaltung von Verkaufsflächen als markenmäßigen betrieblichen Herkunftsnachweis von Dienstleistungen. Das Bundespatentgericht (BPatG) legte das Verfahren dem EuGH vor.
Der EuGH hat nun mit seinem Urteil vom 10.07.2014 – C-421/13 entschieden, dass eine Abbildung von Verkaufsflächen grundsätzlich geeignet sein kann, als Marke eingetragen zu werden. Die Voraussetzung der grafischen Darstellbarkeit einer Marke sieht der EuGH bereits durch einfache Skizzenzeichnungen als erfüllt an. Eine detaillierte Zeichnung mit Größen- oder Proportionsangaben sei nicht nötig. Die Zeichnung muss nur einprägsam genug sein, um tatschlich als Herkunftsnachweis für Waren oder Dienstleistungen dienen zu können, damit diese Waren oder Dienstleistungen von Apple von denen anderer Unternehmer unterschieden werden können, wofür entscheidend sei, dass die dargestellte Ausstattung erheblich von der Branchennorm oder –üblichkeit abweicht.
Der EuGH anerkennt die Darstellung der Gestaltung von Verkaufsflächen grundsätzlich als Subform der dreidimensionalen Marke, was ein starkes Lizenzierungspotential vor allem im Franchisebereich bedeutet. Im vorliegenden Einzelfall bleibt aber abzuwarten, wie das BPatG nun nach Zurückverweisung der Sache vom EuGH entscheidet.

Neues Verbraucherrecht ab 13. Juni 2014

Mit Wirkung zum 13. Juni 2014 tritt das Gesetz zur Umsetzung der Verbraucherrichtlinie in Kraft; insbesondere gilt für alle ab dem 13. Juni 2014, 0:00 Uhr geschlossenen Verbraucherverträge ein neues Widerrufsrecht. In allen in Onlineshops, die sich auch an Verbraucher richten, müssen die Widerrufsbelehrungen angepasst werden und das ohne Übergangsfrist (Umgekehrt dürfen die neuen Belehrungen aber nicht für vor dem 13. Juni 2014 abgeschlossene Verträge verwendet werden, weil sie nicht die vor dem 13. Juni 2014 geltende Rechtslage wiedergeben).

Das erste Problem, das sich stellt, ist, dass zum Zeitpunkt der Bestellung oft nicht klar sein wird, wann der Vertrag tatsächlich abgeschlossen wird. Das Übergangsrecht stellt nämlich nicht auf den Zeitpunkt der Bestellung ab, sondern auf den Zeitpunkt des Vertragsschlusses (in der Regel der Zeitpunkt des Zugangs einer Annahmeerklärung durch den Online-Händler oder erst des Versands der Ware). Es kann also passieren, dass der Kunde seine Bestellung vor dem 13. Juni 2014 abgibt (mit AGBs inklusive der „alten“ Widerrufsbelehrung“, der Vertrag aber erst nach dem 13. Juni 2014 zustande kommt unter Geltung der „neuen“ Widerrufsbelehrung). Über welches Widerrufsrecht soll der Online-Händler hier informieren?

Problematisch wird für Online-Händler darüber hinaus vor allem aber die inhaltliche Gestaltung der Widerrufsbelehrung sein. Zwar gibt es eine neue amtliche Musterwiderrufsbelehrung. Diese muss aber auf den individuellen Bestellvorgang angepasst werden, nachdem es keinen einheitlichen Fristbeginn mehr gibt. Diese dynamische Anpassung auf den Einzelfall wird aber technisch nicht möglich sein. So sieht das amtliche Muster für die Widerrufsbelehrung bei Fernabsatzverträgen über die Lieferung von Waren hinsichtlich der Information des Verbrauchers über den Beginn der Widerrufsfrist vier unterschiedliche Gestaltungsalternativen vor, nämlich:
„Die Widerrufsfrist beträgt vierzehn Tage ab dem Tag […]“
1. im Falle eines Kaufvertrages: „, an dem Sie oder ein von Ihnen benannter Dritter, der nicht der Beförderer ist, die Waren in Besitz genommen haben bzw. hat.“
2. im Falle eines Vertrags über mehrere Waren, die der Verbraucher im Rahmen einer einheitlichen Bestellung bestellt hat und die getrennt geliefert werden: „, an dem Sie oder ein von Ihnen benannter Dritter, der nicht der Beförderer ist, die letzte Ware in Besitz genommen haben bzw. hat.“
3. im Falle eines Vertrags über die Lieferung einer Ware in mehreren Teilsendungen oder Stücken: „, an dem Sie oder ein von Ihnen benannter Dritter, der nicht der Beförderer ist, die letzte Teilsendung oder das letzte Stück in Besitz genommen haben bzw. hat.“
4. im Falle eines Vertrags zur regelmäßigen Lieferung von Waren über einen   festgelegten Zeitraum hinweg: „, an dem Sie oder ein von Ihnen benannter Dritter, der nicht der Beförderer ist, die erste Ware in Besitz genommen haben bzw. hat.“.

Einem Online-Händler wird zum Zeitpunkt des Bestellvorgangs oft nicht bekannt sein, wie die Auslieferung tatsächlich ablaufen wird. Was ist beispielsweise, wenn der Verbraucher eine einheitliche Bestellung über mehrere Sachen abgibt, die getrennt geliefert werden müssen und in dieser Bestellung eine Sache enthalten ist, die in mehreren Teilsendungen verschickt wird? Ein schier unlösbares Problem!

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass für ab 13. Juni 2014 geschlossene Verträge grundsätzlich gilt, dass der Verbraucher die Kosten der Rücksendung trägt, sofern er hierauf hingewiesen wurde. Die „40-Euro-Klausel“ fällt weg. Für Waren, die nicht auf dem normalen Postwege bzw. nicht paketversandfertig verschickt werden können (sog. „Speditionsware“), muss der Händler dem Verbraucher künftig noch in der Widerrufsbelehrung angeben, welchen Betrag die unmittelbaren Kosten der Rücksendung dieser nicht paketversandfähigen Ware ausmachen. Der Händler ist nach dem gesetzlichen Muster grundsätzlich verpflichtet, hier dem Verbraucher einen konkreten Betrag zu nennen. Nur ausnahmsweise, wenn der Händler den Betrag vernünftigerweise vorab nicht berechnen kann, ist eine vernünftige Höchstbetragsschätzung zulässig. Wie aber soll der Händler wissen, was die vom Verbraucher im Falle der Rücksendung selbst und auf seine eigenen Kosten zu beauftragende Spedition kosten wird? Ist der konkret benannte Betrag zu niedrig riskiert man die Abmahnung eines Wettbewerbers; ist er zu hoch, schränkt man unter Umständen das Widerrufsrecht des Verbrauchers unangemessen ein.